Doppelmord
(Heft 2 1995, Text: Bennet)
Er
hatte sich entschlossen, seine Frau umzubringen. Wenn man ihn nach dem Grund
gefragt hätte,
ware er wahrscheinlich die Antwort schuldig geblieben, den in seinem tiefsten Inneren
war stets die Ungewißheit,
warum sich sein Haß
so plötzlich gegen
Carola gerichtet hatte. Als er keine Antwort Auf diese Frage hatte finden können, schob er die bohrenden
Gedanken in den Hintergrund und beschäftigte
sich immer intensive mit der Ausarbeitung eines Mordplanes, wozu in der ersten
Phase das eingehenden Studium kriminalitischer Untersuchungsberichte und weiter
einschlägiger Literatur gehörte. Er stellt fest, daß
man behauptete, neunzig prozent aller Mordfälle aufklären zu können.
Er zweifelte an dieser Tatsache, da sich die Statistik lediglich auf die Mordfälle
erkannt worden waren, nicht aber auf jenem bei denen ein Mord durch eine unverfängliche
Eintragung auf dem Totensschein zu einem ,,natürlichen
Todesfall” geworden war. Aus dieser ersten Erkenntnis folgerte er, daß
Carola keinem offensichtlichen Mordanschlag zum Opfer fallen durfte.
Er glaubte zunächst, die Lösung
gefunden zu haben, als er las, daß in einem Haushalt eine Vielzahl von Unfällen
geschehen kann. Doch diese Möglichkeiten verwarf er schon bald wieder, da sich
erstens die Opfer bei Haushaltsunfällen im größten Teil aller Fälle nur
leichte und keine tödlichen Verletzungen zuzogen, zum zweiten mußte der Unfall,
sollte von vornherein jeder Verdacht eines Fremdverschuldens ausgeschaltet warden,
zu einm Zeitpunkt geschehen, zu dem sie allein in der Wohnung war.
Da ihm die Lösung dieses Problems als
unwahrscheinlich erschien, konzentrierte er seine Arbeit auf die dritte, ihm am
erfolgreichsten erscheinende Möglichkeit:
die des Selbstmordes. Soweit seine Ermittlungen ergaben, brachte die Polizei
einem Menschen, der mittels der konventionellen Methoden und unter
Hinterlassung eines eindeutigen Abschiedsbrief aus dem Leben geschieden war,
kein allzu großes Interesse entgegen. Man stellte keine größeren
Nachforschungen an und ging stillschweigend über diese Sache hinweg. Carola
sollte also einem Selbstmord zum Opfer fallen. Und jeder Verdacht, der möglicherweise
doch auf ihn fallen könnte , würde sich
sofort zerstreuen, wenn es sich herausstellte, daß Carola depressiv und labil
gewesen war und besonders seit ihren Wechseljahren unter ständiger
Reizbarkeit litt. Zahlreiche Bekannte, Freunde, und Nachbarn konnte bezeugen,
daß sie oft unter unmotivierten Tränenausbrüchen gelitten hatte und häufig
davon sprach, sich das Leben zu nehmen, ohne jedoch diese Ankündigung jemals
auch nur andeutungsweise zu verwirklichen.
Einen Abschiedsbrief zu beschaffen, war ebenfalls nicht
schwer, da die Briefe, die sie ihrer Mutter schrieb, zu den schlimmsten Befürchtungen
Anlaß geben konnten. Es waren rasch und in unsicherer Schrift
heruntergeschriebene Gefühlsduselein, ohne Anrede, und daher leicht durch einen
neutralen Umschlag als letzte Äußerung zu deklarieren. Die Methode des Selbstmordes
bereitete ihm kein Kopfzerbrechen. Obwohl Carola wegen ihrer Nervosität stets
ein schweres Schlafmittel nahm, war es unmöglich, ihr eine tödliche Dosis
dieses Barbiturates beizubringen, ohne ihr Mißtrauen zu wecken. Also zog er
eine andere Methode in Erwägung. Die Idee kam ihm, als er eines Abends nach
Hause kam und an der steilen Wand des dreizehnstöckigen Wohnblocks
emporblickte. Der Gedanke, daß man durch Herabstürzen aus der siebten Etage aus
dem Leben scheiden konnte, sprang ihn geradezu an. Unten befand sich lediglich
ein asphatierter Parkplatz – kein Blumenbbet oder sonst etwas, was einen Sturz
hätte hemmen können. Alles paßte zusammen. Carolas
tiefer Schlaf, eine ruhige Nacht, ein unbeobachteter Augenblick, in dem er
Carola über das Fensterbrett in die tödliche Tiefe stürzen konnte – sein Plan
stand fest.
Am Abend trank er in der Kneipe gegenüber zwei
kleine Bier. Gegen neun Uhr betrat er leise die Wohnung. Carola lag im Bett und
schlief. Er trat behutsam ans Fenster und öffnete beide Flügel. Ein kühler
Lufthauch ließ ihn frösteln. Langsam streckte er seine Arme aus, griff unter
Carolas warmen Körper und hob ihn sanft in die Höhe. –Zwei Schritte bis zum
Fenster. Carola regte sich nicht. Ihr Kopf hing leblos nach unten. Dann war es
soweit. Carola hing aus dem Fenster. Er zog die Arme zurück und ließ sie nach
vorn kippen. Es gab nur ein leises Geräusch, als sie in die Tiefe stürzte – sieben Stockwerke
– fünfzehn Meter. Carola war tot.
Eine halbe Stunde später
flackerte das Licht des Notarztwagens auf dem Parkplatz vor dem Haus und
tauchte die Gesichter der Schaulustigen in gespenstische Reflexe. –Der Arzt
beendete gerade seine Untersuchung. Dann wandte er sich an einen der
Polizeibeamten, die inzwischen mit einem Streifenwagen aufgetaucht waren. ,,Ein
Ding der Unmöglichkeit!” sagte er. ,,Wie kann sich eine Frau, die vor einer
halben Stunde an einer Schlafmittelvergiftung gestorben ist, noch aus dem
Fenster stürzen?”
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