IN VINO
VERITAS
Die zwei Gestalten bleiben zunächst
unbeweglich sitzen und rauchen schweigend. Sie beobachteten das große Schultor,
das auf einmal aufgestoßen wurde. Lärmend und lachend verließen die Kinder die
Schule, zu zweien oder in kleinen Grüppchen, alle mit ihren Schulranzen und
Taschen schwer bepackt.
"Er ist nicht dabei",
knurrte Kalle, der Ältere von den Beiden. Nervös drückte er seine Zigarette im
überquellenden Aschenbecher aus und öffnete die Wagentür. Seine belebtheit und
der lange Regenmantel behinderten ihn ganz offensichtlich in seiner
Bewegungsfreiheit, doch Egon, der am Steuer saß, beachtete ihn nicht. Er
starrte wie gebannt auf die Schülergruppen und stieß plötzlich einen
unterdrückten Schrei aus. "Doch, da kommt er!" Kalle schlob sich
schwerfällig vom Beifahrersitz und stellte sich neben das Auto. Stehend wirkte
er plötzlich viel bedrohlicher und größer. Egon unterdrückte mühsam ein Zittern
und ließ den Wagen an. Jetzt mußte alles sehr schnell gehen, sonst würde ihr
ganzer Plan nicht funktionieren. Daß es sich um Sohn seines ehemaligen
Arbeitgebers handelte, gab ihm eine bösartige Befriedigung. Wie er sich nach
Rache sehnte! Wegen einer winzigen Unregelmäßigkeit war er auf die Straße
gesetzt und nicht mehr in die neuerbaute Weinfirma übernommen worden. Aber
jetzt würde er es ihm heimzahlen!
Der kleine Junge stieg langsam die
Schultreppe hinunter und schien tief in Gedanken zu sein. Seine viel zu langen
blonde Haare fielen ihm ins Gesicht und bedeckten zur Hälfte seine runden
Brillengläser, aber er bemerkte es nicht. Er trug halblange, etwas fransige
Jeanshose und eine bunte Weste darüber, und er schleifte seine lederne
Schulmappe lustlos hinter sich her. "Beeil dich, Ditt!", riefen ein
paar Jungs ihm zu und rannten schon an ihm vorbei. Er beachtete sie nicht und
schreckte erst aus seinen Träumen hoch, als der riesige Mann vor ihm stand und
ihn ansprach. "Dein Vater schickt uns, wir sollen dich abholen",
brummte der Mann. Der Junge blinzelte verwirrt und trat dann ängstlich einen
Schritt zurück. Der Kerl kam ihm irgendwie bekannt vor, und allmählich dämmerte
es ihm. Und da fühlte er sich auch schon gepackt und blitzschnell in das Auto
gezerrt, und noch ehe der kleine Dieter schreien konnte, wurde ihm der Mund
verklebt und eine Decke über den Kopf gezogen. Es wurde dunkel um ihn, aber er
konnte deutlich den eisernen Griff um seinen Hals spüren und wehrte sich nicht
mehr. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Während der ganzen Fahrt sprachen die
beiden Männer kein Wort. Der Junge wurde hin und her geschüttelt. Nach einiger
Zeit schien der Wagen die Straße verlassen zu haben, denn die Fahrt wurde noch
holpriger, und keine anderen Autos waren zu hören. Schließlich hielten sie.
Ditt fühlte sich emporgehoben, von rauhen Händen getragen. Dann wurde es kalt
und feucht um ihn. Wohin hatten sie ihn nur gebracht?
Währenddessen herrschte Aufregung
in der Villa Böttinger. Mitschüler hatten beobachten, wie Dieter, das einzige
Kind der Familie. in ein fremdes Auto gezogen wurde von einem großen Mann mit Hut
und Sonnenbrille, einem Bart und lange, Mantel. Das Nummernschild war verdeckt
gewesen, und alles war so schnell gegangen, daß keiner dem Wagen hatte folgen
können! Nun ging Else Böttinger im Wohnzimmer auf und ab, außer sich vor Sorge,
den Tränen nahe. Ihr Mann Eduard stand an der Terrassentür und starrte auf den
Park, ohne etwas wahrzunehmen. Wenn dem kleinen Ditt etwas zustieß ... nicht
auszudenken. Wo mochte er nur sein?
Der Raum war stockdunkel, und das
Kind kauerte auf dem Boden auf einer Decke, in die sie ihn gewickelt hatten. Es
war kalt, und die Luft war abgestanden wie in einem alten Verließ. Allmählich
kamen seine Sinne wieder, und Ditt versuchte sich zu orintieren. Vorsichtig
stand er auf und tastete sich an der Wand entlang. Ein eigenartig vertrauter
Geruch wurde immer stärker, je weiter er sich fortbewegte. War das nicht der
Geruch, der immer am Vater gehaftet hatte, wenn er von der Arbeit kam? Der
Junge fühlte eine rauhe Wand unter seinen Händen, dann eine Tür, natürlich
verschlossen, und dann ein Regal. Und da wußte er plötzlich, wo er sich befand!
Wie oft hatte er sich als kleines Kind hier versteckt, damals, als sein Vater
dieses alte Gut für seinen Weinkeller benutzte! Vater war immer stinkwütend,
wenn er ihn hier erwischte. Die besten Jahrgänge lagerten hier, ein Vermögen
für Weinliebhaber. Plötzlich wurde Ditt aus seinen Träumen aufgeschreckt, als
sich ein Schlüssel im Schloß drehte. schnell tastete er sich zu seiner Decke
zurück. Was würde nun passieren?
Die Tür wurde aufgestoßen, und eine
schwarze Gestalt im Mantel erschien im Türrahmen. Mit einer Taschenlampe
leuchtete er dem Jungen ins Gesicht; dann warf er ihm einen Lampen zu.
"Hier, wasch dir dein Gesicht, wir müssen ein Foto von dir machen, für
deine Eltern!" Und damit verschwand er wieder. Wie könnte er seinem Vater
mit dem Foto zeigen, wo er sich befand? Der Ort war allen bekannt. Plötzlich
kam ihm eine Idee ...
Stunden später fanden die Böttinger
einen Brief im Briefkasten, mit einer enormen Lösegeldforderung und einer
Polaroid-Aufnahme ihres Sohnes. Kläglich und verschmutzt saß er auf einer
Decke. Frau Böttinger bekam augenblicklich einen hysterischen Weinkrampf. Herr
Böttinger starrte verwirrt auf das Bild. An der Jacke seines Sohnes hing der
Zipfel eines Weinetiketts: "Château Nuits-St.-Georges 1898 Grand
Cru". Er rief die Kriminalpolizei an, unterichtete sie vom Verschwinden
ihres Sohnes und der Lösegeldforderung. Gleichzeitig konnte er ihnen zum
Erstaunen des Kommissars mitteilen, wo sich ihr Sohn befindet.
Wenig später konnten die
glücklichen Eltern ihr Kind in die Arme schließen. Ditt grinste seinen Vater
an. "war gut, Papa, das mit dem Wein, nicht?" Der Vater nickte. Der
einzige Ort in der Umgebung, an dem dieser Wein lagern könnte, war das alte
Weingut.
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